05.06.2010
Ein schwarzer Vormittag
„Ich wünsche euch nicht unbedingt viel Spaß, aber vielleicht trotzdem gute Unterhaltung“, sagt der Kartenverkäufer und öffnet die Tür zum Saal des Theater Moller Hauses Darmstadt. Was uns gleich erwarten würde, ließen dunkle Wolken an diesem Vormittag schon erahnen: Wer befasst sich in seiner Freizeit schon gern mit den Völkermorden des Zweiten Weltkrieges? George Taboris „Jubiläum“ illustriert die schrecklichen Details in einer Geistergeschichte: Es ist 1983, 50 Jahre nach Hitlers Machtergreifung. Fünf verlorene Seelen finden sich auf einem Friedhof zusammen, um von den grausamsten Episoden ihres Leben zu erzählen. Arnold Stern (Eric Haug) ist gefühlvoller Musiker, während seine zynische Frau Lotte (Stefanie Otten) das Leben als eine „fragwürdige Art der Unterhaltung“ ansieht. Mitzi (Nadja Soukup), die spastische Nichte des jüdischen Ehepaars himmelt den Nazi Jürgen (Alexander Baab) an. Nachdem der rüpelhafte Grabschänder, sie in den Selbstmord getrieben hat, zeigt er plötzlich Menschlichkeit.
Wie kann eine Theatergruppe das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte so darstellen, dass ein Schülerpublikum die trockenen Zahlen und Fakten emotional begreift? Das Theater Labor Darmstadt wollte mit einer ungewöhnlichen Form der kritischen Auseinandersetzung experimentieren. „Wie bekommt man zwanzig Juden in einen VW?“, fragt Arnold. „Zwei Vorne, drei Hinten und der Rest in den Aschenbecher!“ – Soll man lachen oder weinen? Wenn Tabori Juden Judenwitze reißen lässt, will er das „sinnliche Erinnern“ anregen. Statt mit üblichem Moralappell, soll der Zuschauer durch emotionale Betroffenheit dazu gebracht werden, sich mit dem Gesehenen auseinander zu setzen. Ironischer Weise konnte Tabori sich als Jude rassistische Parolen erlauben. Ein deutscher Regisseur wäre sofort denunziert worden. „Dieser schwarze Humor ist typisch jüdisch. Es ist ihre spezielle Art, mit diesen grausamen Geschehnissen umzugehen“, erklärt Peter Schmidt, der den homosexuellen Friseur Otto spielt. Bei den Proben hat die Theatergruppe selbst gemerkt, dass makaberer Humor ein Weg ist, um Distanz zur Thematik zu gewinnen. „Sonst wirst du irgendwann verrückt“, so Mitzi-Darstellerin Nadja Soukup. Und welcher Witz ist schon politisch korrekt? Später erzählt uns die gebürtige Österreicherin, dass viele Nazi-Symbole von der Wiener Straße stammen und ursprünglich eine ganz andere Bedeutung hatten – so wie das Hakenkreuz in China für Glück steht.
Die Schauspieler mussten auch feststellen, dass nicht jeder mit Taboris Humor klar kommt. „Ein Zuschauer ist mal mitten in der Vorstellung rausgegangen, weil er es nicht ertragen hat“, so Alexander Baab. Ein Blick in die Zuschauerreihen zeigt Schüler zwischen 14 und 18 Jahren. Sie kennen die Grauen des Nationalsozialismus höchstens aus dem trockenen Geschichtsunterricht. Ein Theaterstück, das auf brutale Weise anspricht, wie es damals wirklich zugegangen ist, bewirkt da mehr – könnte man meinen. Trotzdem bekommen wir den Eindruck, dass die Schüler nicht wissen, wie sie mit dem Gesehenen umgehen sollen. Ihre Unsicherheit überspielen sie mit Coolness. Allmählich werden die Jungs in der letzten Reihe ungeduldig, flüstern durcheinander und rutschen auf ihren Stühlen herum. Ihnen fehlt einfach der Bezug zum Thema. Warum sich mit etwas identifizieren, das so lange zurückliegt? Diese Generation hat keine Schuldgefühle und das kann man ihr auch nicht verübeln. Trotzdem darf der Holocaust nicht in Vergessenheit geraten. Aber das Stück vermittelt auch zeitlose Werte wie Toleranz und Respekt.
Die aufgestaute Ungeduld entlädt sich am Ende in einem erleichterten Applaus. Anschließend will die Theatergruppe in eine Gesprächsrunde mit dem Publikum einleiten. Der Versuch misslingt. „Ich will jetzt endlich nach Hause!“, schreit einer in der letzten Reihe – Eineinhalb Stunden still sitzen, ist wohl schon zu viel verlangt. Im Kino oder vor dem Computer klappt es dagegen ganz gut. Aber die Schauspieler sind realistisch: „Allein wenn einer von ihnen zu Hause nochmal fünf Minuten darüber nachdenkt, haben wir schon etwas erreicht.” Ein Schauspieler darf sich emotional nicht so sehr vom Publikum beeinflussen lassen, sonst würde er daran kaputtgehen.
Am Ende fühlen wir uns zwar erschlagen. Trotzdem war es interessant, einmal auf so konkrete Weise mit dem Holocaust konfrontiert zu werden.
Die nächsten Aufführungen finden am 24. und 25. Juni um jeweils 11 Uhr im Theater Moller Haus statt.
Von Bettina Taylor und Johanna Willimsky



